Wenn die Rentner in den Osten ziehen

Seniorendomizile in Deutschland und der Schweiz können sich viele nicht mehr leisten. Osteuropa lockt mit niedrigeren Kosten. Aber wie geht es einem dort?

„In meinem Alter hat man keine Freunde mehr“, sagt Margot Reich lakonisch. Leicht sei es ihr daher gefallen, das heimische Göppingen zu verlassen, wo niemand mehr übrig ist, den sie kennt; 95 Jahre ist sie, fast blind, aber sehr wach im Kopf. „Das Hirn ist das Einzige, was noch funktioniert. Aber was hätte ich mit meinem Hirn daheim in Deutschland allein gemacht?“

Nun sitzt die betagte Dame im Foyer des „Seniorendomizils Életfa“ im ungarischen Nemesbük, knapp 15 Kilometer vom Plattensee entfernt. Hier im Entrée der Anlage, wo ein paar Sessel für die rüstigeren und die neugierigeren unter den Bewohnern aufgestellt sind, und wo man, anders als im Speisesaal oder allein auf dem Zimmer, Kommen und Gehen beobachten kann, verschafft die Zugluft ein wenig Abkühlung von der sommerlichen Hitze eines südungarischen Augusttages.

Die alte Dame sieht den See zwar nicht mehr, den man von der Anhöhe, auf der das Dörfchen Nemesbük liegt, in der Ferne zumindest erahnen kann; sie verlässt das Haus sowieso kaum noch. Garten und Terrasse nutzt sie nicht, an den sporadischen Ausflügen der Heimbewohner nimmt sie nicht mehr teil. Warum auch, fragt sie? Die Tochter und ihr Mann kämen regelmäßig zu Besuch, das sei Ablenkung genug. Sie haben in der Nähe gebaut, der Schwiegersohn hat ungarische Wurzeln, beide sind mittlerweile selbst Rentner, und Margot Reich findet das alles sehr in Ordnung. Heimat, sagt sie, das sei nicht Göppingen, sondern die Familie. Und die ist mittlerweile selbst in Ungarn gelandet.

Am Ortsrand von Nemesbük leben knapp fünfzig Senioren, die Mehrheit sind Deutsche und Österreicher, ein paar Schweizer und eine Amerikanerin sind auch darunter, aber nur drei Ungarn.

Die meisten haben eine Beziehung zur Region; eine höchst virile alte Dame, die noch selbst Auto fährt, gerade von einer Arztvisite im Nachbarort kommt und nun im Foyer ein Schwätzchen hält, hat eine Weile in Spanien gelebt, ihre Kinder besaßen dort ein Hotel. Das wurde geschlossen, die Kinder sind, weil es sich am Balaton warm und vergleichsweise preiswert leben lässt, nach Südungarn gezogen, die Mutter ist ihnen gefolgt.

Wie es geht? „Mal so, mal so“, sagt sie, und beklagt sich höchstens über die Sauerkirschen-Kaltschale, die es zum Mittagessen gab. Ansonsten sei sie heiter, weder einsam noch vernachlässigt, merkt sie lächelnd an, auch wenn dieses Klischee ja daheim in Deutschland gern gepflegt werde: arme Greisin vegetiert in ausländischem Heim vor sich hin.

Man müsse dieses Thema endlich entmystifizieren, sagt er, denn angesichts der desaströsen Zustände in vielen deutschen Heimen sei es durchaus verständlich, wenn sich Familien für ein Heim im Ausland entscheiden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei oft besser. „Mich wundert eher, dass es nicht noch viel mehr Menschen sind, die sich für ein Altenheim im Ausland entscheidenl“, sagt Fussek.

In Deutschland ist Pflege eine Art Teilkasko-System: Einen Teil der Kosten übernimmt die Pflegeversicherung, in die jeder Arbeitnehmer einzahlt, ein Teil wird aus der Rente finanziert, und wenn beides nicht reicht, muss die Familie den Rest beisteuern. Viele Alte wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen, viele Familien können die zusätzlichen Kosten nicht stemmen. Bei Heimkosten zwischen 3000 und 5000 Euro monatlich und Zahlungen aus der Pflegeversicherung je nach Pflegestufe bis 1600 Euro ist da häufig ein großer Batzen auszugleichen. Zudem werden Heime immer teurer, die Renten steigen kaum – und die alten Menschen leben länger.

Dennoch bleiben die meisten Rentner und Pflegebedürftigen lieber daheim, oder in der Nähe ihrer Angehörigen, in jedem Fall im eigenen Land. Tatsächlich sprechen auch die Zahlen eine andere Sprache als die Schlagzeilen: Im Jahr 2015 ließen sich nach Angaben der Bundesanstalt für Versicherte gerade mal 400 Deutsche ihre Rente in die Slowakei überweisen, etwa 4000 nach Ungarn, 2400 nach Tschechien. Tendenz stark steigend.

In Ungarn mischen sich die Motivlagen. Einige alten Herrschaften sind dement, die wenigsten sind noch so fit, dass sie mit dem Bus ins nahe Thermalbad nach Heviz oder gar heim, nach Wien, an den Attersee, nach Stuttgart fahren.

Betreut werden sie von 28 Mitarbeitern, darunter einer Krankengymnastin und einer Ergotherapeutin, Friseur und Maniküre kommen ins Haus. Die Betreiber sind Tag und Nacht präsent. Gut möglich, dass das Seniorendomizil Életfa für den Besuch der Reporterin aufgehübscht oder durchgeputzt wurde, aber Einzelgespräche mit den Bewohnern lassen zumindest erahnen: Es ist ein nettes Altenheim, in dem sich, mit Kuchenbacken, Turnen oder Kreuzworträtseln nicht schlechter die letzten Jahre verbringen lassen als in vielen Einrichtungen zu Hause.

Pfleger arbeiten nicht nach Stoppuhr

Für alle Klienten ist das Geld ein Argument, natürlich: Ein Heimplatz in Nemesbük kostet beispielsweise pro Einzelzimmer im betreuten Wohnen ohne intensive Pflege um die 1000, mit Pflege etwa 1600 Euro; das ist weit weniger als ein durchschnittliches Alten- oder Pflegeheim in Deutschland, wo sich die Preise schnell mal oberhalb der 3000 Euro einpendeln.

 

Aber in Ungarn gibt es keine Pflegestufen, Zähneputzen, Fingernägelschneiden, Waschen wird nicht nach der Stoppuhr bezahlt, deutsches Fernsehen gibt es auch, in den Fluren dudeln deutsche Schlager aus den Lautsprechern, und zumindest ein Teil des Personals spricht Deutsch.

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